Vom Erfinden der Sagen

Der alte Sommer ist gegangen, der Herbst leuchtet golden und die ersten Nebel ziehen auf. Meine Altweibersommerzeit anschauen, in den Wäldern herumstromern und nach guten Geschichten Ausschau halten. Dabei erfinde ich die Sage von den Wurzelweiblein. Sie könnte hilfreich sein, um den Respekt wachsen zu lassen für die seltsamen alten Frauen.   

ein Wurzelweiblein

Die Sage von den Wurzelweiblein 

Es ist eine Sage aus den Allgäuer Bergen. Sie erzählt von den Wurzelweiblein.
Es gibt sie dort überall, bis in die Hörnerdörfer hinein. 
Die Wurzelweiblein sind von hutzeliger Gestalt, ein bisschen bucklig und klein. Sie haben runzlige Gesichter und wilde Haare und sind steinalt, obwohl sie keine Steine sind. Sie haben tiefe, gurrende Stimmen. Manchmal kommen sie ganz zerlumpt daher und moosig. Sie riechen nach Erde, sie laufen barfuß und tragen Schmuck aus Baumwurzeln.
Wurzelweiblein leben an dunklen, schattigen Orten. Ihre Häuser sind in Wurzelstöcken. Manche schlafen in Erdhöhlen und verlassen diese nur alle hundert Jahre. Wenige von ihnen mischen sich unter Menschen.
Sie sind heilkundig und verstehen sich auf´s Fliegen. Das können sie einem beibringen.
Werden sie verspottet, so nehmen sie einem die Vorstellung vom Fliegen und man fühlt sich erdschwer und träge und man verliert die Trittsicherheit. Dann ist es, als hockte einem etwas auf den Schultern, schwer wie eine Riesin und die Flügel erlahmen.
Wenn man sie dagegen respektvoll behandelt, obwohl sie so stark riechen und etwas zerlumpft und gschlampert daherkommen, dann hört man auf einmal einen feinen Atem, wie ein Flügelschlag und dann spürt man einen leichten Wind. Dann blasen sie einem Flugsubstanz ein. Wenn man ihnen sogar noch zu Diensten war, findet man in einer seiner Manteltaschen ein kleines Wurzelstück oder eine Feder, mal so, mal so. Und ab dann wohnen in deiner Manteltasche Märchen von Wurzelkraft samt dem dazugehörigen Geist, der dich sicher unterwegs sein lässt und der dir hilft,
deine Visionen mit praktischen Füßen zu gehen.
Das ist die Sage von den Wurzelweiblein.

Man möge den hutzeligen, alten Frauen mit gebührendem Respekt begegnen, denn es könnten Wurzelweiblein sein, die gerade mal unterwegs sind und sich in Supermärkten, öffentlichen Verkehrsmitteln oder Städten umschauen und Zivilisationsforschung betreiben.