Vom Westen in den Osten getragen

Angeschaut, freigegeben

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Der Westen im Lebensrad ist die Heimat des Erzählens der eigenen Geschichte, der Ort der Innenschau. Dort beginnen wir, die Geschichte über uns zu erzählen. Dort wird uns unsere Geschichte bewusst. Sie bekommt Worte. Sie wird gespürt. Es ist die Zeit des Herbstes, des Erinnerns. Daraus weben sich die Geschichten. Klarheit wächst an diesem Punkt im Lebensrad in die Menschen, in uns hinein. Über das, was wir sind, was wir gut können, was nicht, was wir mögen und was nicht. Darüber, was unsere Werte sind und was die eigenen Gaben. Gefühle bekommen Worte. Warum bin ich fröhlich, warum traurig oder ärgerlich. Wir beginnen, uns in unseren Geschichten zu verankern. Im Westen können wir uns in unseren Geschichten beheimaten, genauso, wie wir uns darin verfangen können. Im blödesten Fall werden wir Gefangene unserer Geschichte.
 
Darum ist es so befreiend, die Verantwortung zu übernehmen und die eigene Geschichte weiterzutragen, in den Osten, ins Land der Närrin. Dorthin, wo alles möglich ist, wo wir uns neu erfinden, ins Feld der Neuerschaffung. Die Ostfreiheit entfaltet sich, wenn ich meine Begrenzungen erkannt habe, wenn ich meine Geschichte zu mir genommen habe.
Im Osten könnte alles sein. Dort warten auch ganz andere mögliche Geschichten über uns. Wenn es im Westen noch wichtig war, unserer Wahrheit ins Auge zu schauen, wird diese im Osten freigegeben. Die Närrin sagt: „Halte nicht zu stark an Selbstdefinitionen fest und an den Geschichten. Was ist schon wahr?“ Über ein Familienfest gibt es viele Wahrheiten, vielleicht so viele wie es Anwesende gab.
Wenn eine Geschichte für uns nicht mehr funktioniert, wenn sie uns vom Wachsen abhält, das Reifen behindert, dann ist es Zeit, sie sterben zu lassen. Ich brauche die schwierigen Geschichten nicht immer wieder erzählen. Geschichten dürfen sich verändern. Ich darf die alte Version loslassen. Der Osten lässt feste Geschichten gehen. Dort finde ich neue Geschichten, neue Selbstdefinitionen mit vielen Möglichkeiten. Dort schreibe ich meine Geschichte um, fort, neu. Die Schöpferin ist gefragt. Wir erschaffen unsere Wirklichkeit durch unsere Geschichten. Das ist ein guter Weg von Lebensgeschichten – sie im Westen in aller Klarheit sehen und zu sich nehmen und sie im Osten loslassen.

Angeschaut, freigegeben