Schirme im Weltzirkus

Regenschirm

Im Großen, im Kleinen, im Alltäglichen, im Weitreichenden, im Geschehen unserer Tage stimmig und gut unterwegs sein – wie kann es gehen, für mich? Vielleicht, indem ich auf der Bühne des Weltzirkus einfach meinen Platz …, ja was? Finde, verteidige, behaupte? Oder einfach nur einnehme, mit meinem Sosein, meiner Wahrnehmung, meiner Erkenntnis, meiner Medizin und vertraue, dass ich es auf meine ganz eigene Weise tun soll. Mein Platz, das ist meine besondere Weise, Teil einer größeren Geschichte zu sein, das geben, was speziell ich zu geben habe, auf meine Fähigkeiten vertrauen und darauf, dass genau das gebraucht wird und reicht. Meinen Platz einnehmen, am Feuer, auf dem Narrenschiff, in der Karawane, im Dorf, im Weltzirkus.
Lauschen und hören, wenn ich gefragt bin. An die Gaben glauben, die ich zu bieten habe, vertrauen, dass die Welt möchte, dass ich meinen Teil beitrage. Ganz tief hineingehen in mein Sosein und meine Gaben so mutig und authentisch anbieten wie es nur möglich ist. Dann gibt es keine Wertung, keine „großen“, keine „kleinen“ Gaben. Dann werden viele unterschiedliche Gaben von vielen zusammenkommen. Und die braucht es in den stürmischen Zeiten. Es braucht die Contrarykraft, die Gegenteilskraft, die Ältestenweisheit, den wildesten Teil unserer Seele, das wunderbare, verwundbare Herz der KriegerIn, die nicht retten, sondern einfach nur bezeugen, sehen, da sein will, ganz wach, ganz offen für den Schmerz und die Freude, für die Verrücktheit der Welt, für die Augenblicke des Lebens. Es braucht alle Gaben. Also schaue ich, was kommt.

Sonnenschirm mit Frau auf Boot

Stille, lange nichts. In banale Alltagsgedanken hinein schiebt sich die Rotnase, meine kleine Clownin. Mit ihr habe ich nicht gerechnet. Sie hat Müllsäcke dabei, gelbe und rote. Sie wirft sie in die Luft, lässt sie fallen, schweben, fängt sie auf, beschnuppert sie und beginnt, mit ihnen zu tanzen. Manchmal ist sie ganz sanft mit ihnen und dann wieder möchte sie die in der Luft fliegenden Plastiksäcke zerfetzen. Sie spielt den Augenblick und verwandelt sie zusammenknautschend in riesige Blumen. Sowas hat sie noch nie gemacht. Dann sortiert sie Konfettis und balanciert eine aufblasbare Weltkugel auf ihrem Kopf. Sie möchte Sekt trinken und in die Sterne schauen. Auf einem Flohmarkt erwirbt sie zwei alte Schirme, einen Sonnen- und einen Regenschirm. Einer ist aus Asien, der andere von hier. Das findet sie gut, damit könne sie einen langen Faden spannen und die Schirme könnten Freundschaft schließen, weil es zwei Geisterschirme sind. Mit den Schirmen könne sie Bedeutsames tun, sagt sie. Sie wird sie betanzen und magische Augenblicke einfangen. Im Zirkus hat sie bei Seiltanz-Akten oftmals den Einsatz von Schirmen gesehen, das wäre wohl hilfreich, wenn es sie nicht sogar flugtauglich macht. Insgesamt findet sie sich ausbaufähig und zeitgemäß, was mich etwas überrascht.

Regenschirm

Die Rotnase betritt das Seil und vertraut auf ihre beiden Schirme. Sie lacht, weil sie weiß, dass ihr nicht wirklich was passieren wird mit den beiden. Dann schreibt sie in die Luft:

Wer lacht hat keine Angst.