views – im Geisterbücherdorf

Buchtitel - Geisterbücher

Wortströme, Werbetexte, Gebrauchsanweisungen, Pinnummern, Formulare … Manchmal komme ich mir vor wie im strömenden Regen. Es prasselt auf mich ein, schnell, immerzu strömend und ich fühle mich bis auf die Haut durchweicht und zugetextet. Es ist die tägliche Routinekost unserer Zeit. Da wünsche ich mir eine Leerung. Papierkörbe bieten sich an, Wertstoffhöfe und Geister, welche den geleerten Raum bewohnen möchten.

Mit Wörtern spielen, Grommolo-Gespräche und im Geist beginnt eine Systemerneuerung. Der Rechtschreibreform verdanke ich bereits eine gewisse Radikalität. Damals habe ich etwas von scheinbarem Ewigkeitswert dem Spielraum anvertraut. Auf einmal war es wurscht, weil es eh keinen Bestand hatte. Das Schreiben und die Sprache ist seitdem freier geworden. Im neuen Regelwerk bin ich nicht mehr sesshaft geworden, sondern eine Sprachnomadin geblieben.

Auch zwischen zwei Buchdeckeln gab es einmal eine fest gebundene Welt. Die Inhalte könnten längst überholt sein, die Lehrsätze angestaubt. Jetzt könnte man das, was man mit Büchern üblicherweise macht erweitern. Um eine Radikalentleerung. Kurz nach dem Herausreißen des Buchblocks entsteht für einen Moment ein Nullraum. Destabilisierung, Dekonstruktion gefällt der Närrin. Es ist ihr Raum. „Bloß nicht erstarren,“ sagt sie. „Von untauglichen Regeln und Konventionen befreit, lassen sich die Mauern der sprachlichen Gewißheit erstürmen. Als Leiter eignen sich das Hinterfragen und Loslassen. In unseren Zeiten ist der Wohnraum auch für Geister knapper geworden. Da bieten sich Bücher an.

Ich beobachte im Dorf der entleerten Bücher, wie die Geister das Dogma der Lesbarkeit anpinkeln. Sie tun es hemmungslos. Sie brechen Sätze auf wie Nüsse. Es wird eindeutig mehrdeutiger. Die Lesbarkeit darf auf der Strecke bleiben und Leseunbequemlichkeiten dürften sich auch einstellen. Nicht mal das youtube-Standbild erscheint, sondern ein entleerter Kasten. Die Geister richten sich im Buchstabenprovisorium gemütlich ein.