Beim Radieren

In der Winterzeit ist es am schönsten zum Radieren. Der alte Kachelofen knistert, der Schnee bringt die Muße, die Stille und in der Galerie ist es winterruhig. Die Radier-Schrate mache ich in der Galerie-Werkstatt vom Joschi, einem Freund. Die hohe Kunst der Radierung spielerisch, experimentell, teils rumpfuschend angehen, das fordert mich. Das ist dem ähnlich, wenn die Katalina ihren dreifachen Rittberger macht. Am Schluß steht sie dann doch irgendwie und bei mir ist am Schluß dannn doch eine Radierung da.

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Mich hineinträumen in Werkstattimpressionen. Es entstehen Radierungen von Booten, einer Fährfrau. Sie ist auch ein Schrättlwesen. Rote Druckfarbe auf dem Boot.

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„Reisebereit“ lese ich. Neues Land betreten. Mit einem Bein in anderen Geschichten. „FRAGILE. und reisebereit. Die Fährfrau wird dich hinüberfahren, wenn du möchtest. An neue Ufer. Was dich dort erwartet, sagt sie nicht. Sie bringt auch niemanden mehr zurück. Es gibt nur Hinfahrt-Tickets. Manchmal fährst du mit ihr, ohne zu wissen, dass du bereits auf ihrem Boot bist. Manchmal bist du auch längst an neuen Ufern, in einem anderen Land, ohne es zu merken. Die Fährfrau kann gerufen werden. Sie kommt allerdings nicht immer. Dafür hat sie gute Gründe. Nein, die sagt sie nicht, auch nicht auf Nachfrage. Sie weiß, was sie tut. Gut, wenn auch wir wissen, was wir tun. Und wenn nicht, dann mögen wir uns dem Fremden, dem Nichtwissen hingeben.“

Etwas tun, wie einkaufen, kochen oder Radierungen machen und mit der Aufmerksamkeit in Details gehen, in andere Zusammenhänge wie Kupferplatte und Zeitungstext, scheinbar zufällig nebeneinander Liegendes in Verbindung bringen, neue Geschichten darin lesen.

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Es ist das Rot, das diesmal eine Rolle spielt. In der Werkstatt arbeiten und ratschen. Die Katze schläft auf der Ofenbank, wir plaudern über Enten und Bescheinigungen, die ebendiese brauchen und, dass Enten, die seit fünfzehn Jahren keine Bescheinigung hatten doch jetzt auch keine bräuchten. Wir reden über die Leute vom Dorf, die Bäcker, wo wir die konspirative Übergabe der Radierungen machen. Wahrscheinlich im Edeka-Stehcafé. Dort, wo ich 2010 meinen Blog begonnen habe und diese schräg-seltsame Verbindung von Alltag und Heilig ausgelotet habe. Die Schrate, die Geister, die merkwürdigen Wesen sind eine Fortsetzung. Sie mögen diese „Stranger than Paradise“-Orte wie Tankstellen oder Supermarkt-Stehcafés. Jetzt bin ich abgeschweift. So geht es uns beim Plaudern auch, vom Hundertsten zum Tausendsten. Pralinen, Kaffeemaschinen, rote Hirsche, welche Farbe als nächstes nehmen, ist der Leim schon trocken, wo sind die Brezen am dunkelsten, vielleicht doch nicht schwarz, jetzt hat es 15 Grad in der Werkstatt, Enten füttern, Katzenfutterfachgespräche, Achtung der Filz, andersrum schieben, wie leicht werden wir mal sterben, was ist das denn jetzt?, vielleicht wegen der Fährfrau, sortieren und ordnen von unseren Vermächtnissen, wie am besten, Lightroom oder doch Bridge, radieren, schauen, den Gedanken freien Lauf lassen, unterschiedslos durch alle Schichten. Und die Fährfrau bringt inzwischen rote Hirsche, Monde und Tanzende über den Fluss.