Frau Wolf und die Schrazen

Mit den Schrättlis kamen Kindheitserinnerungen, wie an die alte Nachbarin Frau Wolf. Es gibt bei uns im Bayrischen ein halbes Schimpfwort, „Schraz“. Das gehört zu der Geschichte, die ungefähr so ging: Wir waren sehr viele Kinder ringsrum und wir haben gerne draussen gespielt. Der Frau Wolf waren wir zu viele und zu laut, deshalb hat sie uns „elende Schrazen“ genannt (falsche bayrische Pluralbildung!). Damit konnten wir leben. Wenn der Ball zum zigten Mal in ihren Garten gefallen ist, hat sie ihn weggenommen und ist samt Ball im Haus verschwunden. Ich habe meiner Mutter gesagt, was los ist und, dass wir den Ball wieder holen müssen. „Aha,“ meinte sie, „wie wollt ihr das machen“. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, für uns den Ball zu holen. Sie mochte die Frau Wolf und für sie war es unser Ding. Weil wir ja Schraze waren, sind wir stampfend, singend und dauerklingelnd auf und ab, bis die Frau Wolf den Ball hergegeben hat. Als ich mitgeteilt habe, er sei wieder da, der Ball, hat meine Mutter gesagt. „Aha, wie habt ihr das gemacht?“ „So halt.“ Das Wortkarge der Schrazen bei unpassenden Fragen.

[Forschungseinschub: Schrate, Schrättlis reden ungeschönt. Dann sagen sie wieder gar nichts. Sie folgen nicht unseren Erwartungen und sie tauchen auch ungefragt auf.]

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Manchmal war uns fad, dann haben wir überlegt, ob wir die Frau Wolf aufregen sollen. Zum Beispiel mit Torschießen auf geschlossene Garagentore wegen des Sounds. Sowas. Man kann es aussitzen, bis Schraze gewachsen sind und nicht mehr auf Garagentore schießen. Das ist eine Frage der Zeit. Die Frau Wolf hätte einfach ein bisschen warten können.

Das mit dem „du Schraz du“, das ist mir wieder eingefallen. Das habe ich öfter gesagt bekommen, wenn ich zu frech war, ein Wunderfitz, unverschämt neugierig, vorlaut, vorwitzig, meine Nase reingesteckt in irgendwas, sehr wild war. Schraz, das hat mich nicht weiter aufgeregt, es war eh nur halb geschimpft.

Mit meiner Mutter war ich oft im Wald, Häuser bauen aus Moos und Zweigen und sie gemütlich einrichten für die Waldschrate, die kleinen Leute, die Geister und die Tiere. Währenddessen hat sie wildschöne Geschichten erzählt. So alt sind meine Schratekontakte schon.

[Forschungseinschub: die Namen der Schrättlis variieren, es gibt sie als Schrat – Schrättel – Schraz – Schratt – Schrättlein – Schrötlein – Schrättli – Schröttele – Schrecksele – Schretel … im Süden, in den Alpen sind die Namen teils noch geblieben, in Mittel- und Norddeutschland gibt es sie kaum noch. In anderen Sprachen gibt es ganz ähnlich klingende Begriffe wie Hausgeist, poln. skrzot – Slowenisch škratec, Windwirbel – skratta, schwedisch, (laut) lachen – skratte, dänisch, klirren – skrade, rasseln. Sie haben alle mit den Schraten zu tun, mit Kobolden, Berggeistern, Wassergeistern, Riesen, NärrInnen, Zauberkundigen … Es gibt auch eine Schrätelhexe.
Ein Spruch von 1460: „jeglich haus hab ein schreczlein: wer das ert, dem geb es gut und er.“ Und so sind auch Opfergaben an das „schretlin“ bezeugt.]