Ein Buch fliegt nach Riga

Gestern ist mein Buch fertig geworden, die letzte Seite. Jetzt wird es dann nach Riga fliegen zum Druck. Ich habe lange überlegt, ob ich es begleiten soll. Die letzten Texte waren die über die Samen und das Säen. Es hat Frühlingskraft und passt zum Neubeginn des Jahres. Die letzten Seiten haben die ganze Zeit gewartet, wie die Samen in der Erde. Am Perchtentag sind sie aufgegangen. Ich konnte dann alle Wörter und Bilder zusammentragen. So klingt es:

Wortsamen
Was sind meine Wortsamen in der Alltagssprache? Ich sage Wörter und lade die Kraft damit ein. Ein Same für die Begeisterung, ein Same für den Wildwuchs, das Tausendschönchen, und andere. Es ist fast wie das Löffelchenspiel. „Einen für die Wegwarte noch,“ hat Katalina gesagt, „für die Ungeduldigen. Du sitzt dann am Weg und wartest, das entspannt dich. Ich mag das Blau und du hast Wildsalat.“ Sie wollte sie mir schmackhaft machen und, dass ich ganz viele Wegwarte-Samen in die Erde lege. Wir haben gesät und gesät, bis der Garten voll war. Gesäte Machtworte, Worthorden, Wortgespinste. Hülsenfrüchte haben wir weggelassen. Nicht, dass wir dann lauter Worthülsen ernten. Katalina wollte eine Schokoladenminze. Nachts oder beim Darüberstreichen entfaltet sie den feinen Schokoduft. „Wegen der Wortpralinen.“ Sie ist streng und meinte, „wir säen nichts mit Konjunktiven, keine Klatschmohnfelder von Hädidadiwari (hätte ich, täte ich, wäre ich). Das hat sie von Luisa. „Wer Konjunktive sät, wird Betrug ernten,“ meinte sie. Naja, gleich so theatralisch. Nein, sie blieb dabei, Säen sei eine ernsthafte Angelegenheit. Da gelte es, genau zu sein.

Letztes Frühjahr habe ich den wilden, freien Geist gepflanzt. Den, der sich nicht kaufen und vor keinen fremden Karren spannen lässt. Den freien Geist, der so unbändig sein kann. Blauregen fand ich passend für den Freigeist, weil er so gut gedeiht, so prachtvoll und schön ist, sich in alle Ritzen schiebt und hinter die Bretterfassaden. Mit dem Wachsen des Blauregens wurden die Träume von der mit dem roten Mantel stärker. Sie, die zügellos und frei ist und manchmal auch recht züntig. Sie ist wildwüchsig und tut seltsame Dinge. Sie klaut Heiligenscheine wie andere Mercedessterne und stapelt lachend die Trophäen. Scheinheiliges legt sie in den Mörser, bevor sie es zerkocht und wieder genießbar macht. Sie versteht sich auf die Worte und bietet auf dem Wochenmarkt lose Reden wohlfeil. Ich werde den Wuchs des Blauregens im Auge behalten in 2012.

Die Samen und ihre Geschichten
Sie wachsen unter unseren Füßen, sie sind zu hören. Wenn sie jetzt im Winter tief in der Erde schlafen, kann ich sie atmen hören, so leise wie Schneefall. Aber nur, wenn ich mich auf die Erde lege. Dann, barfuß im Frühling, höre ich das Pochen der Samengeschichten. Es ist direkt unter den Fußsohlen. Und im Herbst sammle ich die reif gewordenen Früchte und die Samen. Die Geschichten nähren mich jetzt und sie bringen die neuen Samen, für Verzweigungen, für neue Geschichten.