Kehricht – Medizin – Orakel

Ungebrochene Lust auf Ausmisten, Fegen, Reinigen. Kehren ist da die einfachste Art. Hinauskehren, was winterverstaubt ist und Zeit zu gehen. Früher wurde den Toten nachgekehrt, wenn es Zeit war, dass sie endgültig gehen. Ich streue gerne Salz in die Ecken im Frühjahr und fege alles aus. Kehren, fegen, zusammenkehren als sammeln, mich mit dem Kehricht beschäftigen – lauter zauberkräftige Handlungen, die ich mit meiner Großmutter und den alten Frauen in Spanien verbinde, weil sie auf diese Weise damit umgegangen sind.
Der Respekt vor dem Kehricht, der mit den Geistern verbunden ist – Kehricht als heilkräftige Substanz, die bisweilen sogar gegessen wurde. Vierwinkelstaub, Stubengemüll, Auskehricht … oder die Zwölferasche, der in den Rauhnächten gesammelte Kehricht, der verbrannt und dem Vieh gegeben wurde als Heilmittel.
Glückssubstanz, Kehricht als Lohn, der sich in Gold verwandelt, Orakelsubstanz, scheinbar Wertloses, das so kostbar ist. Ich orakle gerne mit meinem Kehricht, schaue auf die Schätze und die Schatten, lese, fege, sammle Besen.



Die neunmal gefegte Stube, der unter der Schwelle vergrabene Kehricht zum Schutz, der Stubenkehricht, der Heimweh heilt und auf Reisen im Säckchen mitgenommen wird. Dann ist mir auch immer klar, dass ich meine ganzen Schatten, meinen Müll, alles mitnehme, egal wie weit ich weggehe und in welche erlauchten Gefilde ich mich begebe. Ein bisschen Hausmüll im Medizinbeutel dabei, das ist doch richtig gut.

Weil eine nachfragt – das ist natürlich keine Anleitung zum Bravsein und gezähmt im Haushalt schaffen. Mein Verhältnis zum Haushalt ist sehr entspannt, weil ich mir erlaube eine G´schlamperte zu sein. Da gibt es keine Geisterbilder in andere Richtungen. Ich will die Tätigkeiten, die zum Halten des Hauses notwendig sind in meiner Magie und vielleicht auch in einem ganz alten Verständnis davon tun. Es fängt doch erst dann an zu kippen, wenn ich von meiner Magie abgeschnitten bin, wenn ich nicht mehr in slow motion, knarzend, stundenlang versunken im Küchenbutoh mit Zaubergesängen wirken kann. Ich erlaube mir auch, so lange zu verwildern, bis ich Lust bekomme Ordnung zu schaffen, zu fegen, zu waschen. Oder ich hinterfrage ob was wirklich zu viel ist, an Hausgröße, Ansprüchen, Bildern wie eine sein sollte, was sie alles machen sollte-müsste, ans Perfekte, ans Bedeutsame. Verwildern, mit allen Gerüchen, verfilztem Haar, Hühnern in der Küche, Katzen, die aus meinem Teller essen, schwarzen Fingernägeln … falls eine meint, zu brav zu sein.
Kehricht in der Tasche erzählt vielleicht vom Zu-brav-sein.