Der Duft der letzten Tage

Schaffenstage voller Frühlingsduft. Kurz vor Lübeck noch in der Buchbindewerkstatt von Sabine meinen Blog in Leporelloform gebracht. Zählen, sortieren, kleben … Da stehen mir meine silbernen Haare zu Berge. Ich beobachte, wie die Hände lernen, be-greifen, ertasten. Routine lässt mich kurz mal g´schlampert werden. Mit den Händen werken hat etwas Altes, es ist wie in der Erde graben, es dehnt die Zeit und macht die Bilder vom Kopfkino unscharf.

Katalina, sie spiegelt mir einen Teil in mir, der null Veränderung will. Immer alles am selben Platz, kein Verreisen, keine Abenteuer, kein Risiko. Die Katalina in mir heißt Weigerl. Sie findet es hier so schön und versteht nicht, warum wir woanders hin müssen. Sie kann dann richtig züntig werden und es braucht den Redestab, die ganze Überzeugungskraft und gute Angebote, um sie ins Boot zu bekommen.

In Lübeck hat es ihr dann doch ziemlich gut gefallen, sie mag die Nordfrauen. Sie hat sehr gelacht, dass am Rathaus ein Schild steht mit Long House. Und wenn sie etwas kennt und lachen kann, dann bekomme ich sie viel leichter wieder dorthin.

Auf der Reise will ich den Faden zur Wildnis behalten, egal ob im Flughafen, in Räumen, im Auto. Ich halte Ausschau nach ihr. Sie singt sich her im Frühlingsgezwitscher der Vögel, sie ist zu finden im Grün, das sich durch den Asphalt schiebt, im Blau des Himmels. Es braucht die Aufmerksamkeit darauf. Im Flughafen wird es schwieriger. Da finde ich die Wildniskraft überraschenderweise bei den Menschen, dem Ungeschminkten, Verletzlichen, den Wunden, der Unsicherheit, dem verlorenen Zahn oder Haar. Genau das duftet nach Wildnis und es spinnt den Faden hinaus in die wilden Landstriche.

Am Feuer der Seherin im hohen Norden. Gemeinsam erforschen wir die Wege der Seidmagierinnen, schnitzen Stäbe, erkunden das Weissagen, das helle Sehen, machen eine Seidr-Zeremonie, finden die Zaubergesänge, welche die Seherin ins Nagual tragen. Sie machen es nicht zum ersten Mal, da sind ganz alte Seherinnen dabei, das denke ich oft während unserer Tage. Wenn etwas schwierig ist, dann ist es das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Gabe, Mächtigkeit. Zeugin sein zu dürfen ist ein großes Geschenk.