Etiketten und Identitäten im Kleiderschrank

Die Etiketten durchforsten, im Mantel, den Jacken, auf der Schuhsohle. Meine Etiketten, meine Identitäten. Im Kleiderschrank, im Teatro di Vida, im Seminar, im Edeka-Stehcafé, im Stall. Was steht denn da jeweils drin? Label, Etiketten, Dokumente, Pässe, Identifikationsnummern und Wörter, dieses Wer-bin-ich.
Ich habe richtig gute Etikettierungen, die Vita lebt davon.



Alternativ, freigeistig, bewusst, das kommt doch gut. Ich merke, die ersten bereiten schon eine Reha-Box vor für manches Wort. Alternativ in Large, small Bohèmien, XXL Indie Nation und so weiter. Ein Lieblingslabel von mir ist Universumsbürgerin. Das bin ich gerne, es ist offen und nicht so kleinkariert eng. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ein Superlabel. Da muss eine schon ziemlich weit sein und sehr freigeistig. Und während ich den Kleiderschrank analysiere, das ein oder andere Mäntelchen ausprobiere, kann ich spüren, wie gut sich was anfühlt. Besser gesagt, wie gut ich mir bei welchem Etikett vorkomme. Ich teste, was meine Identitäten machen, spiele mit ihnen. Warum nicht mal ein ganz eigenartiges Label ausprobieren, Grenzen ausloten. Etiketten auf den Prüfstand.

Und welche Lügenetiketten übernehme ich ungeprüft? Sozial schwach zum Beispiel? Da hat mich Hagen Rether draufgebracht. Warum wird jemand, der ökonomisch schwach ist mit sozial schwach etikettiert? Damit nicht auffällt, dass die ökonomisch Starken oft die sozial Schwachen sind?
Die Etiketten und das Lebenstheater, mit allen Rollen, Stereotypen, ausgefeilten Charakteren, auswendig gelernten Nebenrollen – ich liste auf, schaue sie alle an und lasse sie für einen Moment los. No name. Was bleibt dann? Trennungen, Grenzen heben sich auf, Wertungen, Bilder von mir und anderen. Alle Etiketten herausschneiden, auch die Universumsbürgerin, und schauen, was es macht, ob es dann ins Bodenlose geht.
Oder unendlich frei wird.