Was soll ich von Klassentreffen halten?

Ein Klassentreffen der Mädchen-Grundschule, zum ersten Mal. Was mache ich dort? Ein paar Entdeckungen, wie ein Geheimschriftenbüchlein, das meine alte Freundin mitbringt. Die Zeichen finde ich in meinen Bilder von heute wieder, der roten Faden. Da finde ich mich richtig gut.

Dann die Sprüche aus dem Poesiealbum, eisenhart und gruselig. Erfolgreich vergessen. Meiner ist mir richtig peinlich und es ist einer der allerblödesten. Aha, ich erweitere das Bild von mir, gezwungenermaßen, auch in andere Richtungen.
Ein Foto gibt es, das aussieht wie die Anfänge meiner Hippiejahre. In Ermangelung von Perücken hatte ich mir die Haare toupiert und sitze links. Merkwürdiges wird mir serviert.

Warum bin ich hier? Es gibt kaum Schnittmengen, mehr Fremdes als Vertrautes. Wie sehr sind wir wirklich bereit, die Bilder, die wir voneinander haben, loszulassen, einander ganz neu zu begegnen? Wie bunt sind wir – geworden? Wie eigen? Wieviel Erlaubnis hat sich jede gegeben, ihre Einzigartigkeit zu leben? Der Geschmack des alten Fotos und der des Jetzt – so verschieden.

Beim Heimfahren besinge ich die Verrücktheit, die Verwilderung, alles, was den Duft der Lebendigkeit hat und verzeihe mir lachend den Mist der Poesiealben.

Morgen fahre ich nach Heidelberg, Lesung im Lichtblick – übers Wochenende bin ich im frauen museum wiesbaden zur Regenbogentänzerin, einem Professionalisierungsseminar für Künstlerinnen und am Sonntag der Vortrag über tragende Gemeinschaften, Maori und Haida, Kanada und Aotearoa. Der lange Weg des Werkprozesses führt in die Welt.