Maori – Nähmaschine – Haida – Werkprozess

Im April halte ich im frauen museum wiesbaden einen Vortrag. Der Prozess, bis der Vortrag steht, hat dort keinen Raum, weil die Ergebnisse, die Essenz genug an Zeit und Intensität sind.
Wie entsteht so ein Vortrag, ein Buch, eine Ausstellung? Im Blog ist Raum für genau diesen Teil meiner Arbeit. Der Raum hinter den Kulissen, der Werkraum, das Atelier. Das Banale, scheinbar Unscheinbare. Blog-Raum für das Prozesshafte, die Nebenbeibilder, die Zwischenstadien, das Unfertige. Für meine Fragen, das Hin und Her, das Scheitern und Verwerfen. Für die verworfenen Konzepte.
Der Blog selbst ist ja sowas wie ein Werkprozess. Skizzenhaft, wie die ersten Schritte.

Kriksel Kraksel Krulle – Schmierzeit, Skizzenbeginn.
Es geht um das große Thema heile, tragende Gemeinschaften. Ich erzähle von meinen Reisen, dem Hikoi Wairua bei den Maori und den Weisheiten der Haida in Kanada. Sammeln, Sichten, Ordnen, Bilder, Tagebuchaufzeichnungen. Meine Ernte verarbeiten, die Reisen nachklingen lassen und nochmal sortieren. Im Werkprozess zeigt sich alles, was ich verstanden habe, was nicht, wie sich der Vortrag choreografiert, wie die Magie ist.
Diesmal scheint alles riesig zu sein. Das Format, Stoff, ich weiß, dass er nicht zusammengenäht sein soll, sondern in einem Stück. Das ist stimmiger. Also Leinwandstoff bestellen mit 3 Meter Breite, Halterung nähen. Zwei meiner magischen Werkzeuge, Nähmaschine und Bügeleisen kommen zum Einsatz.

Der Stoff ist schwer, es verreißt die Nähmaschine, der Faden geht aus, die Skizzen ordnen sich mühsam. Jetzt ist eine Phase, die alles andere als beflügelnd ist. Telefonate mit Kim, das Technische klären, Abstriche machen, was ist machbar, was wäre die kühnste Vision. Irgendwo dazwischen werde ich landen.
Dann kommen Zeiten des flow, viele Feuer brennen, an denen ich male, skizziere. Katalina unterstützt den Prozess, sie hütet Kreise, Feuer, Kreativität. Ich dokumentiere meinen Prozess, die Feuer, beschäftige mich parallel zur Umsetzung mit dem Werkprozess und dem Transparentmachen.

Es passt zur Widmung diesen Jahres, was mit meiner Ernte machen. Ich verwende altes Material, Wieder-holung. Tage und Feuer.

Dann passiert etwas Besonderes. Ich verschütte schwarze Farbe beim Ahnenbaum. Merke, dass es mir in die Knochen fährt. Da geht es um mehr, weil das Verschütten wie fremdgesteuert war. Ich untersuche den Fleck, die Position, tauche ein, stelle Fragen. Es liegt weiter zurück. Hat es was mit meinen Ahnen zu tun? Da kommt nichts, ich kann bei der Frage keine Spur aufnehmen. Mit Christine mache ich mich weiter auf die Suche. Es ist das Thema der heilen Gemeinschaften, das ich aufgerufen habe, die Kraft, die Ahnen, die Weisheit der Indigenen Aotearoas und Kanadas. Und wir finden ein Ja bei ihrer Entwurzelung, den Wunden und Versehrtheiten, die ihnen durch Christianisierung, Imperialismus, durch unsere unheilen Gesellschaften zugefügt wurden. Ich beginne, die Stelle neu zu bemalen, singe, lasse Bilder kommen. Lange dauert es, bis sie trocknet, sich neu bemalen lässt und schließlich fertig wird. Katalina liebt diese Prozesse und trägt ihres dazu bei, dass sich etwas wandelt.

Das macht sie immer so.
Der Stoff wellt sich unerwarteterweise, wie Meer und Wasser. Wie ein großer Ozean vor dem ich stehe. Es geht ja auch um First Nations, die mit dem Meer verbunden sind, den Booten, der Seefahrt. Auch wenn ich es anstrengend finde, es hat eine große innere Logik. Ich mache ja auch ein großes Feld auf mit dem Thema. Dazu passt, dass ich mich vermessen habe und das Bild viel zu groß geraten ist. Ich kann es kaum handhaben. Schleppe und zerre, denke an zusammenschneiden, verkleinern, frage mich, ob ich den Vortrag überhaupt hinbekomme. Ah, die Zweifelzeit.
Erkenntnisse. Der Anspruch, immer im flow zu sein, also ganz beseelt und beflügelt kreative Arbeit zu tun, legt die Latte so hoch, dass eigentlich nur Dauerstress entstehen kann. Latte runter. Kreative Arbeit ist alles, vom flow bis zur unlustigen Pflichtübung, dem monotonen Irgendwas und allem, was es sonst noch so gibt. Spaß, Disziplin, es einfach tun, die Trancen, das Magische, alles gehört dazu, ist gleich wahr und immer mehr darf es sein.
Dias herrichten, malen, Skript machen. Katalina immer dabei. Viele Fragen, viele Feuer.
Beim Vortrag selbst sind es zwei Stunden Essenz, Ausgewähltes, die Magie ist da im besten Fall, die Kraft des gesamten Weges.
Der Werkprozess erzählt eine viel größere Geschichte, zu der auch die Unlust gehört, die Zweifel – was, wenn das alles zu viel, zu wenig, zu irgendwas ist. Was, wenn ich Murks mache, es nicht rüberbringe. Dann feiere ich wiederum meine kühnen Schritte, das Gelingen, gehe in die Tiefe, in den Zauber, reise.
Das war der erste Teil des Weges, ich bin noch nicht fertig. Jetzt stehe ich an einer kleinen Schwelle. Die Spraydosen kommen zum Einsatz. Und damit die Spraydosenpanik. Notfallgedanken – was wenn ich das Ganze jetzt versaue. Ich schiebe es. Solange ich nix tue, versaue ich es auch nicht. Und auch das Wetter ist zu schön, um innen was zu machen. Morgen reicht immer noch.

Und wenn ich länger nichts mehr hören lasse, dann ist was schiefgegangen.