Wölfinnentreffen

Wenn sich die weiße Decke der Langsamkeit und Stille übers Land legt, fordert Winter bei uns hier manchmal die Kraft der kleinen Feuer ein. Die Straßen sind zu, es ist nicht möglich in die Berge zu fahren wie geplant. So treffen wir uns dort, wo wir zu Fuß hinkommen. Und so sind es wenige Frauen am Feuer. Drei. Christine, Wildjugendbezähmerin, Wilde überhaupt, Clownende, eine, die ein Wolfsrudel hat. Inga, Tierflüsterin, Lehmbauerin, Kinderbezauberin. Und ich.

Bei den Haida in Kanada war Winterzeit die Zeit, in der alle Tribes zusammenkamen und im Langhaus miteinander lebten. Es war die Zeit, der großen Zeremonien, Masken- und Tanzzeit, Mythenzeit. Die Zeit der großen Feuer. Im Frühling sind alle zu ihren Weidegründen aufgebrochen, haben sich vereinzelt. Weil wir nicht miteinander leben, ist es bei uns genau andersrum.

Wir sitzen am Feuer. Christine hat Salzspiralen in der Mitte gezogen. Inga und ich sind von Nachbardörfern zu ihr gekommen, über tief verschneite Straßen. Wir schaukeln uns in die Nacht, weben ein Gespinst aus Worten, Leerräumen dazwischen, Lachen, füttern uns und die Ahnen. Wir sind bei der Wölfin, die uns verbindet.
„Ich kann sie schon herholen“, sagt Christine. Aha. Und sie bringt eine Flasche Wein, Grauer Wolf. „Gibt´s beim Rewe“, meint sie. Entzückt widmen wir uns der Kraft der Wölfin. Schön ist sie. Rewe – ich bin mit meiner Edeka im falschen Geschäft.
Die Wölfin sitzt mit uns am Feuer. Wir sind auf einmal im Altai, in Kanada, im Ail, dem Langhaus, in einer Hütte in der Wildnis, bei den Timberwölfen. Unsere Reisegeschichten mischen sich dazu. Nebenbei schamanisieren wir füreinander. Nach viel Gewebtem – Schinken, Duplo, Geister- und Frauennahrung.

Die Feuer. Ich sitze hier an einem uralten Feuer. Es hat eine tiefe Glut. Ich klopfe Feuer ab. Immer mehr verabschiede ich mich von den Feuern, die mir zu groß sind. Zu hell und spektakulär, weil die Nahrung aus den Flammen gezogen wird. Die Strohfeuer, die Feuerwerke, die Budenzauberfeuer. Die, an denen die Menschen wechseln, ein Kommen und Gehen ist. Ich brauche meine kleinen, alten Feuer, die vom innersten Kreis, die Feuer, die mich nähren. Sie sind meist stiller, langsamer und tiefer. Das war schon mal anders, vielleicht geht es jetzt wirklich um die Tiefe, die Schützinfeste sind vorbei, Kali lehrt jetzt eine andere Seins-Weise und sie fühlt sich für mich ziemlich gut an.