Herdstelle und Küchenzauber

Die Feuerstelle im Haus, wichtigster Ort, Ahnenplatz, Hausschlangenkult, Transformationsplatz. Es war der heiligste Ort. Das Zentrum des Hauses, der Jurten, Ails und Tipis. Dort kamen die Menschen zusammen, zum Geschichten erzählen, um Verträge zu schließen, um Gäste willkommen zu heißen, um sich zu wärmen oder um schamanisch zu arbeiten. Und heute? Hier, in meinem Haus? Könnte ich mein Herdfeuer wieder heiligen. Ein Feuerbild hinten hingeklebt erinnert mich daran, was für ein Ort es ist, bindet den Elektroherd an das mächtige Feld all der Feuer in der Steppenweite, der Taiga, an all die Nomadenfeuer und an die Feuer meiner Großmütter an. Eine Blume für Umai-Ene und Hestia hingelegt und ein bisschen Milch für die Ahnen.
Katalina sagt, wen die Geister schicken, um die Speisen für sie abzuholen das ist offen. Es könnte auch sie sein. Es wäre naheliegend und praktisch, weil sie den kürzesten Weg hat. Mir ist es auch egal, wen sie schicken.


Ich will die festen Grenzen verwischen zwischen Alltag und Ritualzeit. In der Küche beginne ich als ältestem Ritualplatz des Hauses. Und so gibt es einen Kochlöffel mit Federn, Perlen und einem Brokatband aus dem Altai. Der Kochlöffel wird Zauberstab, zerkocht Scheinheiliges, rührt zusammen im Kessel oder Topf, was ich hineingebe und macht aus Eins und Zwei ein kraftvolles Essen.
Heute wird es ein alltagstaugliches Süppchen geben. So ein ganz normales, bekömmliches. Eines, das nicht besonders in Erinnerung bleibt und dennoch gut nährt und wärmt. Dafür mische ich eine Prise des roten Pulvers Aufbruchslust, extra hot, dazu. Das macht die Schärfe, den winzigen Pfiff. Ich rühre es unter, weil die Suppe ansonsten mit Normalität alleine glänzen würde. Auf Geschmachsverstärker verzichte ich ganz bewusst. Lebenslust kurz dazugespuckt und Gedankenweite. Was nehme ich dafür? Artemisiasalz, das wird mir die Gedankenweite heute geben. Ich könnte ein Lied hineinsingen. Vielleicht tanze ich einen Küchen-Butoh.
Als Alltagsforscherin sammle ich, Sprachliches, was verleibe ich mir ein, wann bin ich weich gekocht? Rituelle Abschnitte beim Kochen einlegen – Repräsentanten-Zutaten für was weiß ich ins Essen einrühren – von Katalina lernen, dass immer ein bisschen was übrigbleibt für die Geister – die magischen Werkzeuge und Ritualgegenstände von den verstaubten Altären mitten ins Alltagsgeschehen holen und einbeziehen, die kostbaren Steine und Federn an die Löffel ran – superheiliges Zeug beherzt in die Küche tragen und benutzen – zerkochen, neu zusammensetzen, mich beim Kochen mittendrin im magischen Alltag wiederfinden.
Entweder ist alles heilig oder nichts, sagt die Clownfrau.

Mit Katalina clowne ich gerne rum. Sie liebt es, hinter einer Ecke zu warten und mich dann mit einem spitzen Schrei und einem Sprung zu Tode zu erschrecken. Und weil sie gerade nicht aufpasst, schleiche ich mich von hinten an und male ihr ein Geweih hin.