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Buchmarkt

Über die Grenze, Schweiz, mit den Büchern und vielen Zollpapieren. Da kann ich Grenzen gut erkunden, denn es ist kein schnelles Durchfahren, sondern ich muss hin und herlaufen, in die verschiedenen Häuschen und mit den Grenzhütern sprechen.

Da sind alle Sinne wach und ich mache mich in der Situation gerne unsichtbar. Manchmal, indem ich rede, frage, ganz leutselig scheine und manchmal, indem ich versuche, mich wirklich nicht wahrnehmen zu lassen. Ich glaube, ich steuere das hauptsächlich über die Augen und den Atem. An der Grenze konzentriere ich mich stark auf das, was in der Luft liegt. Ausweichen, durch Schleusen gehen, langsamer werden, warten, zügig weitergehen. Ich schalte auf Autopilotin und folge meinem G´spür. Es ist enorm pulsierend, weil es ein Ort ist, der Wachheit fordert auf der ganz alltäglichen Ebene und ausgefahrene Antennen in alle anderen um mich schwingenden Bereiche hinein. Ich folge allen inneren Impulsen, auch wenn sie noch so unlogisch erscheinen. Im Altai sollten wir an Grenzen immer schweigen und uns konzentrieren, weil Grenzen und Pässe Geisterland sind. Da kann schnell was umkippen. Nicht groß auf sich aufmerksam machen, das war immer die Losung und immer etwas für die Geister dabei haben, Essen, weiße Bänder, Arrak. Und manchmal sollten wir Bilder kreieren, die in ganz andere Richtungen führen, um unbehelligt durchzukommen. Grenzen sind keine Orte zum lange Verweilen. Ich atme mich durch die Grenze, durchs Niemandsland und bringe meine Bücher nach Wil. Inmitten der EU beschert uns die Schweiz ja noch richtig gute Grenzerfahrungen, wie in alten Zeiten oder auf größeren Reisen.

Ein frühlingshafter Tag in München. Die erste Buchauslieferung zu Lillemors Frauenbuchladen. Münchenfreuden – mit Luisa im Café Glockenspiel am Marienplatz. Im fünften Stock über den Dächern genüsslich Bienenstich und zeitlose, bunte, duftende Ratschaustauschvertiefungsflüge kosten. Im Klo dann in der Warteschlange Fotoexperimente. So ganz habe ich die Kamera noch nicht im Griff, denn eigentlich sollte man uns beide sehen. Zu sehen sind zwei andere Frauen, die ich natürlich nicht im Blog zeigen kann.

Das ist heute ein sehr tiefgreifender Artikel. Ich sag´s nur, falls es auf den ersten Blick nicht auffällt.

Dreitausend kleine Alltags-Logbücher sind gekommen, aus Jelgava, über Berlin-Schönefeld bis vor die Garage. Das war sehr aufregend, es rundet sich der Blog von eineinhalb Jahren. Die intensive Buchmachzeit des Herbstes und Winters ist jetzt materialisiert.
Katalina war dabei, sie mag LKWs und Kistenstapel und ausserdem ist es auch ihr Buch und sie ein kleiner Blogstar. Zwischen um- und abladen gibt es ein Dokumentationsfoto, das viel sagt. Ich habe nichts gemacht an diesem Bild.
“Du brauchst keinen Pumuckl,” hat Sabine gesagt,”du hast deine Katalina.”

Zuerst habe ich ein Buch im Haus herumgetragen, zu allen Spirits, zu den Altären, zu Dae Shin Halmoni und zum Katzenaltar, zu den Küchengeistern und zum Ahnenaltar und es allen gezeigt.
Jetzt geht es ans Ausliefern und zur Buchvorstellung im frauen museum wiesbaden am 18. März. Ich schicke auch noch einen Newsletter rum mit der Einladung und wann und wo es das Blogbuch gibt.

Gestern ist mein Buch fertig geworden, die letzte Seite. Jetzt wird es dann nach Riga fliegen zum Druck. Ich habe lange überlegt, ob ich es begleiten soll. Die letzten Texte waren die über die Samen und das Säen. Es hat Frühlingskraft und passt zum Neubeginn des Jahres. Die letzten Seiten haben die ganze Zeit gewartet, wie die Samen in der Erde. Am Perchtentag sind sie aufgegangen. Ich konnte dann alle Wörter und Bilder zusammentragen. So klingt es:

Wortsamen
Was sind meine Wortsamen in der Alltagssprache? Ich sage Wörter und lade die Kraft damit ein. Ein Same für die Begeisterung, ein Same für den Wildwuchs, das Tausendschönchen, und andere. Es ist fast wie das Löffelchenspiel. „Einen für die Wegwarte noch,“ hat Katalina gesagt, „für die Ungeduldigen. Du sitzt dann am Weg und wartest, das entspannt dich. Ich mag das Blau und du hast Wildsalat.“ Sie wollte sie mir schmackhaft machen und, dass ich ganz viele Wegwarte-Samen in die Erde lege. Wir haben gesät und gesät, bis der Garten voll war. Gesäte Machtworte, Worthorden, Wortgespinste. Hülsenfrüchte haben wir weggelassen. Nicht, dass wir dann lauter Worthülsen ernten. Katalina wollte eine Schokoladenminze. Nachts oder beim Darüberstreichen entfaltet sie den feinen Schokoduft. „Wegen der Wortpralinen.“ Sie ist streng und meinte, „wir säen nichts mit Konjunktiven, keine Klatschmohnfelder von Hädidadiwari (hätte ich, täte ich, wäre ich). Das hat sie von Luisa. „Wer Konjunktive sät, wird Betrug ernten,“ meinte sie. Naja, gleich so theatralisch. Nein, sie blieb dabei, Säen sei eine ernsthafte Angelegenheit. Da gelte es, genau zu sein.

Letztes Frühjahr habe ich den wilden, freien Geist gepflanzt. Den, der sich nicht kaufen und vor keinen fremden Karren spannen lässt. Den freien Geist, der so unbändig sein kann. Blauregen fand ich passend für den Freigeist, weil er so gut gedeiht, so prachtvoll und schön ist, sich in alle Ritzen schiebt und hinter die Bretterfassaden. Mit dem Wachsen des Blauregens wurden die Träume von der mit dem roten Mantel stärker. Sie, die zügellos und frei ist und manchmal auch recht züntig. Sie ist wildwüchsig und tut seltsame Dinge. Sie klaut Heiligenscheine wie andere Mercedessterne und stapelt lachend die Trophäen. Scheinheiliges legt sie in den Mörser, bevor sie es zerkocht und wieder genießbar macht. Sie versteht sich auf die Worte und bietet auf dem Wochenmarkt lose Reden wohlfeil. Ich werde den Wuchs des Blauregens im Auge behalten in 2012.

Die Samen und ihre Geschichten
Sie wachsen unter unseren Füßen, sie sind zu hören. Wenn sie jetzt im Winter tief in der Erde schlafen, kann ich sie atmen hören, so leise wie Schneefall. Aber nur, wenn ich mich auf die Erde lege. Dann, barfuß im Frühling, höre ich das Pochen der Samengeschichten. Es ist direkt unter den Fußsohlen. Und im Herbst sammle ich die reif gewordenen Früchte und die Samen. Die Geschichten nähren mich jetzt und sie bringen die neuen Samen, für Verzweigungen, für neue Geschichten.

Gedanken zu unserer Kunst, unseren Bildern, dem Geschriebenen, dem Tanz, unserem kreativen Ausdruck. In den letzten Tagen kommt das Thema “Buchveröffentlichung”, “Ausstellung machen” und wie das ginge etc. gehäuft. Deshalb schreibe ich jetzt was dazu. Für mich stellt sich die Frage, warum etwas in die Öffentlichkeit getragen werden soll.
Sitze ich da in der Verbindungsfalle von gut = erfolgreich? Bin ich nur dann “gut”, wenn ich nach den Maßstäben des Kunst- oder Buchmarktes erfolgreich bin? Geht es vielleicht eher darum, gut = erfolgreich voneinander zu lösen? Es gibt viel schlechtes und dennoch sehr erfolgreiches Zeug und andersrum. Und manches ist sowohl-als-auch.
Wo gehören für mich mein Gedicht, mein Lied, mein Tanz, meine Bilder hin? Mit wem will ich sie teilen? Mit Manchem bin ich bin recht langsam nach Aussen gegangen, mit Anderem gar nicht und es tut mir gut. Das gehört zum Hüten meiner Spirit-Kinder.

Manche von ihnen wollen gar nicht raus, andere sind zu klein und zu zart, um die eisigen Winde auszuhalten, die auf dem Markt herrschen. Die eisigen Winde sind die Bewertung durch andere, das Erfolgsprinzip, das schnelle wieder weg sein, falls es nicht die Quote bringt und einiges mehr. Produzieren müssen beispielsweise, falls es erfolgreich ist. Und zwar genau nach dem Schema F, das eingeschlagen hat, nix anderes. Wann fange ich an, für einen Markt, eine Zielgruppe mitzudenken? Da beginne ich, mich zu verbiegen, marktgerecht und erfolgsorientiert zu produzieren. Wenn ich mich genau dafür entscheide, ist das ja auch in Ordnung, es sollte halt entschieden sein und für mich stimmen. Ich überprüfe das Gesehenwerdenwollen und weiß, dass dort, wo es auftaucht auch gleich die Fallen bereitstehen.
Vielleicht fühlt es sich stimmiger und lebendiger an, wenn ich singe und male, Geschichten schreibe und nähe, ohne gleich ein Label samt Firma aufzuziehen oder einen Verlag zu suchen. Für die Katze getanzt und alleine beim Kochen eine Geschichte erzählt, mir selber, den Spirits, den Sternen, der Nachbarin. Vielleicht bin ich die beste Geschichtenerzählerin weit und breit, zufrieden mit mir und der Welt, ohne, dass es jemand weiß. Vielleicht reicht es mir, dass die fünf Leute, zwei Katzen und die vorbeiziehenden Vögel, die mich hören und ich selber, wissen, wie gut ich bin.

Bügeln, glätten, glattstreichen – Handtücher, Geschichten, Kleider, Gedanken. Zusammenlegen, falten, in den Schrank sortieren, stapeln. Da sind die Gedankengebäude, dort verschiedene Projekte, dann die T-Shirts und die Winterteile. Ich bügle gerne, eigentlich. Praktisch bügle ich selten, weil ich warte, bis der Stapel groß genug ist. Dann allerdings zelebriere ich das Bügeln.
Weil ich in der Anfangsphase vom Buchmachen bin und ganz unruhig werde, wenn es nicht gleich die ultimative Layoutlösung gibt, brauche ich einen Beschäftigungswechsel. Ich finde nicht die passende Schrift, bin deshalb nicht beflügelt, will nicht stundenlang weitersuchen, werde knatschig und entscheide mich, mal wieder zu bügeln.
Zum Fenster hinausschauen, in den dichten Nebel heute, Zerknautschtes in Händen halten und glattstreichen, sorgsam bügeln. Die Wärme weitet das Zusammengezogene, Bilder werden glatt und weicher, wie das Buchmachen, das mich gerade beschäftigt, Umtriebigkeitsgedanken oder anstehende Entscheidungen. Ich mag den Duft beim Bügeln, das Zischen des Wasserdampfes und Katalinas Ambitionen, beim Bügeln alles zu umturnten. Es eignet sich, um auf allen Ebenen etwas zu glätten, auszubügeln und neu zu ordnen und ausserdem hat Bügeln etwas ganz Sanftes.

Zur erfolgreichen Versinnlosung bringt Sabine ein Buch von Keri Smith ins Spiel.
Ein Buch, das wir bekrikseln, in das wir Löcher reinbohren, Kaffeeabdrücke machen und Kleckse. Wir machen alles, was man mit Büchern nicht machen sollte.
Es wird ein Unsinns- und Kunstopfer.



Mit dem Schmarrnbuch in der Dorfwirtschaft beim Essen. Vom Nachbartisch aus beschrieben, weil sich dort kurzzeitig Fassungslosigkeit breitmacht.

Zwei Frauen kommen, nehmen aus ihren Handtaschen Bücher raus. Aha. Es könnten intellektuelle Frauen sein. Sie sehen ganz normal aus und fallen auch sonst nicht weiter auf. Dann aber reißen sie eine Seite aus dem Buch, zerknüllen sie, stellen das Buch auf und schießen den Papierball durch. Er prallt am Pfosten ab, fliegt in den Salat der einen. Sie lacht, nimmt ihn raus und stempelt damit wild in ihrem Buch rum. Beide lachen, klappen die Bücher zu, legen sie in ihre Handtaschen zurück und essen ganz normal weiter. Mehr passiert nicht mehr.

Irritation. Einordnungsversuche. Erscheinung, Anfall, Verrücktheitswind in bayrischer Wirtschaft. Kann dafür auf die Schnelle eine Schublade gefunden werden?
Wir blödeln uns weiter durchs Buch, spielen, verdrehen, tun “Verbotenes”, widmen uns dem Abfall, dem Unsinn, dem scheinbar Wertlosen wie Handtaschenfusseln oder Obstaufklebern und verleihen ihm Bedeutung.



Ich bringe zum Beispiel Chaos über das Buch und räume dann alles wieder weg.
Es eignet sich auch als Duschhaube.

Wir leinen das Buch auch an und gehen mit ihm spazieren oder verschenken unsere Lieblingsseiten. Spucke, Hirnschmalz, Farben, Zufall, Süßkram, Lachen, Fett und Regen sind unsere Werkmaterialien. Alltagsinspirationen hergezaubert.


Im Interview mit Julia Littmann, die meinen Mantelknopf gerettet hat.
Badische Zeitung, Freiburg – Interview

Eine gute Rundfunksendung in Bayern 2 von Geseko v. Lüpke, Coyote als Lehrer (unser Schul-, Lern-, Erziehungssystem und die Pädagogik Indigener), als Podcast

Für mein Buch Kunst-Magie-Heilen macht den Vertrieb in Österreich jetzt Berta-Bücher. Michaela Ortner hat es bisher wunderbar gemacht und kann jetzt zeitlich nicht mehr. Ein kleiner Buchladen in Graz, das hat doch was.

Der Blog wird zu Papier gebracht. Wahrscheinlich weil ich konservativ bin, was meine Arbeit betrifft. Es gibt die Originale, die Postkarten-Collagen, ich drucke die Texte aus und halte gerne was in Händen. Ich mag Papier, Struktur, Befühlen, Hören.

Also alles gepackt und ins Nachbardorf zu einer Freundin, Sabine Moosmüller, in die Werkstatt der Buchbindemeisterin. Die, mit der ich jeden Mittwoch zur Christa in die Wirtschaft gehe. Nach zwei Monaten Meditation im Zenkloster ist Sabine endlich wieder da. Ich habe bis jetzt ohne ihre fachkundige Unterstützung geklebt, gefaltet, geschnitten. Frei Hand.
“Hm,” sagt sie, “das hört sich nach Pfusch an, aus Handwerkerinnensicht. Mach Kunst draus, dann hat es wieder was.”
Ich liebe ehrliche Spiegel, haha.
Vergeblich suchen wir rechte Winkel, finden Parallelogramme und Wölbungen. Die präzise Herangehensweise im Handwerk ist faszinierend, wie ein Tanz der Hände, schnell, sicher, fast spielerisch. Papierduft, Zickzackfalz, ritsch, ratsch, die Presse gedreht, der Leporello entsteht.


Ich bin wieder dort wo ich angefangen habe, beim Unikat. Beim unverkäuflichen Projekt. Vor vielen Jahren hat Sabine meine ersten Kunstbücher gebunden. “Wow, so ein Pfusch,” hat sie damals schon gesagt, “das kriegst du ja nie sauber gebunden, das können wir nur unter Kunst laufen lassen.”

Mein letztes Buch, selbst herausgegeben, wird auch selbst vertrieben, zusammen mit Lillemors Frauenbuchladen, dem frauen museum wiesbaden und ein paar anderen. Wir müssen reinwachsen, recherchieren wo das Porto am günstigsten ist, welche Vertriebswege wir am besten nehmen etc.

Jetzt hat eine kleine Buchhandlung gesagt, für sie sei es schon einfacher über LIBRI und die großen Barsortimente zu bestellen. Es wäre bequemer und für sie besser. Wirklich? Warum ist die Buchhandlung denn so klein? Weil eben viele EndkundInnen auch gerne bequem bei Amazon bestellen und dazu auch noch portofrei. Das kann diese Buchhandlung nicht leisten, natürlich nicht, denn sie bekommt ja auch nicht annähernd die Rabatte wie Amazon.

Da freue ich mich über Lillemors Frauenbuchladen, Thalestris, die Blumenschule in schongau, das frauen museum wiesbaden und andere, die Bequemlichkeit nicht vorne hinstellen (letztlich scheint es ja auch nur bequem, spätestens wenn es an die Existenz der Buchhandlungen geht, ist es vorbei mit einfach und bequem), sondern gerne politisch handeln und für ihre Überzeugung gehen, es sich was kosten lassen. Wenn jemand ein bestelltes Buch nicht am nächsten Tag hat, geht denn dann die Welt unter? Meine Bücher, die ich bekomme, fange ich meist nicht mal in der ersten Woche an zu lesen.

Ich finde nicht, dass alles immer schnell gehen muss, Gewinnmaximierung, Tempo, alles gepusht werden muss, alles dauererfolgreich sein muss, linear nach oben gehen muss. Und, dass es auch nicht so ausschauen muss, als ob es so wäre. Das entspannt sehr, ist lebendiger, lustvoller. Wenn dieser Druck raus ist, dann merke ich auch, wie unkompliziert und fein das miteinander Arbeiten ist.

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