Sprachbefühlung auf der Couch

Weil ich in meinem bayrischen Dialekt sehr zu Hause bin, erschliesst sich mir die große Bandbreite und Tiefe der bayrischen Spiritualität. Das Bayrische ist wirklich sehr spirituell.  Ganz ohne Schmarrn. Das war sogar Thema beim Heilerinnentreffen. Die prägnanten Sätze, das enorme Ausmaß an umfassendem Erkennen, Vielschichtiges auf den Punkt gebracht, kurz und bündig.
Es is wia´s is. (Es ist, wie es ist). Das ist nicht wirklich übersetzbar, es braucht den Klang dazu. Tiefste spirituelle Erkenntnisse gepaart mit Klangzauber. Die bayrischen Tiefensätze reißen mich aus dem Bierernst, dem Jammertal oder der Wursthaut von der beleidigten Leberwurst. Ich sage sie ein paarmal und schon wird es weit und manchmal komisch.
Warten auf die Bücherlieferung aus Lettland, hoffen, dass alles gut geworden ist.
Nix is g´wieß. Soll ich übersetzen? Nichts ist gewiß. Es fehlt wieder der Klang, das lang gezogene iiiiii von g´wieß. Auch das X wirft mich sehr nach vorne. “Ach so,” sag ich, “wenn eh nix g´wieß ist, ja dann … dann schau i hoit, dann sig i scho.” Feinste Unterschiede, zwischen schauen und sehen, schaun und seng. Da ist doch wirklich was verstanden worden.
Ich liege auf der Couch, zwischen Heilerde, Cola und Schwedenkräutern, sage alles ab, weil mein liebes Mütterlein mich mit einer Magendarminfektion angesteckt hat.

Deshalb fallen mir heute so gewichtige Dinge ein. Zum Schluss sage ich noch meinen momentanen Lieblingssatz, den habe ich von der Martina Schwarzmann.
Es muaß ma a amoi wos wurscht sei deafa.
Es muss mir auch mal was wurscht sein dürfen.

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Ratschen, Zusammensitzen, Beieinandersein

Eine besondere Qualität hat gerade das Zusammensein mit anderen und sich dafür Zeit nehmen. Zusammensitzen, etwas ergründen, fragen, zuhören und so lange dabei bleiben, bis sich was klärt, verstanden wird. Es braucht Ausdauer. Es ist ein sich einlassen auf eine Reise. Und wie bei einer Aussenreise befinde ich mich auch irgendwo und kann nicht einfach wegfliegen. Dabeibleiben, den Urfaden halten oder sich in ganz neue Gefilde treiben lassen. Es ist sofort spürbar, wenn was durch ist, frei wird, wenn auf einmal was Neues mit am Tisch sitzt oder Schätze geborgen werden. Eindrückliche Momente. Tiefengespräche und die Freude darüber, dass so etwas möglich ist.

Mit Mea und Inga, meinem alten ICAMOA-Feuer die Museumsintro zur Ausstellung im März entwickeln. Alle geben ihre Ideen in die Mitte, immer wieder. Wir befühlen die Impulse, nehmen die Fährte auf, lassen uns mitziehen, locken, wechseln die Positionen wie beim Formationsflug der Vögel – übernehmen, zurückfallen lassen. Es darf sperrig sein und sich ziehen, es darf erheiternd sein und schmarrig, verspult, verschachtelt, unverständlich. Es ist nichts Schnelles, es darf dauern. Und wenn wir uns alle Zeit nehmen, in die Nacht hinein reden, etwas erspinnen, ist es letztlich immens schnell da. Die szenische Einführung ist geboren.

Oder die Runde mit den Eselfrauen. Zuerst sitzen wir in der Stube zusammen wegen des Ratschens. Dann beginnt auf einmal eine Reise. Sie wird viele Nachtstunden dauern. Dazwischen werden Pizzas geliefert und Gemüse gegessen, eine Weinflasche aufgemacht und der Ofen nachgeschürt. Die Tiere sind bei uns, es ist ein vertrautes Rudel, vier Frauen, Hund und Katze. Es wird heiß und dann wieder erfrischend kühl, aufregend und mit steilen Anstiegen. Wir legen Worte zusammen, verknüpfen sie, klären, verwirren uns manchmal und feiern unsere heilsame Weitungsreise oder wie bei Icamoa unsere Schöpfungsreise. Und immer sind die Genüsse dabei, die Sinnlichkeit, die Tiere, das Essen, das Feuer und die Berührung, die die Reise mittragen.

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Zeitenbeheimatung

Beim Filmschneiden und Seminarvorbereiten liegt das Thema Zeit auf dem Tisch. Wie ist meine Beziehung zur Zeit? Ich hangle mich an Zeitlinien entlang, wähle Zeitlupe, ordne Zeitabläufe neu zu, nutze den Zeitraffer und gehe in Joanna Macys Tiefenzeitbelehrungen. Da geht es darum, wieder heimisch zu werden in der Zeit.
Ich erkunde unser kollektives, geschrumpftes Zeitempfinden, wie Tempo und Dichte alles eng werden lassen und meine Poren verstopfen. Wie schnell muss ich Entscheidungen treffen, viele, gewichtige, dauernd, ohne Zeit für eine Überprüfung zu haben.

Bei den langen Filmspuren komme ich auf die großen Zeitbögen. Im Augenblick heimisch sein, das gelingt immer öfter, im großen Zeitgefüge beheimatet sein, ist verlernt oder noch nie wirklich gelernt. Ich habe meinen Atem, der mich mit den Wesen der Vergangenheit und denen der Zukunft verbindet. Mit dem Atem dehne ich mein Zeitfeld, während ich weiter Filmschnitte mache.
Joanna erzählt vom Tanz mit der Zeit.

Wieder heimisch werden in der Zeit, ihr nicht entrinnen wollen oder ihren Fluss anhalten oder sie für unwirklich erklären. Mit ihr tanzen, mich ihren gewaltigen Wogen überlassen, durch die Äonen.
Mit Ehrfurcht, in tiefer Verbindung.
Was das bedeutet, davon habe ich nur ein Flunserl von Ahnung und vielleicht nicht mal das.

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Kunterbuntes

Fasching war noch nie meins. Meine Konfetti sind aus dem Bürolocher und in Faschingszeiten glänze ich durch Humorlosigkeit. Es ist halt so. Ich bin damit fünfzig Jahre alt geworden und werde es wohl nicht mehr ändern.

In Zeiten völliger Humorlosigkeit fahre ich am besten in ein Möbelhaus und kaufe einen neuen Schreibtisch oder sowas. Essensschälchen für Katalina gehen auch. Oder ich setze mich ins Edeka-Stehcafé und knatsche mit den ganz wilden Bauern zusammen über Politik und weitere Betrübnis erregende Angelegenheiten. Ich könnte meine Humorlosigkeit auch rituell tanzen, meistens fehlt mir aber genau dazu die Portion Witz, die nötig ist.
Katalina mag Bürolocherkonfetti. Wir spielen dann Fasching. Weil bei uns in der Gegend Weiberfasching oder lumpiger Donnerstag groß gefeiert wird mit Umzug und geschlossenen Läden und dann alles vorbei ist, kehrt ab heute wieder Ruhe ein.
Der Schnee schmilzt, ich sortiere alte Faschingsbilder aus und schaue in meine ernsten Gesichter. So einen ähnlichen Artikel habe ich vor einem Jahr schon geschrieben. Es wird bald wieder besser.

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Tänze und Lebensräume

Während ich meine Spuren im Neuschnee ziehe, lasse ich die Gedanken fliegen. Die Skier gleiten gut durch den Schnee, ich kann endlich von der Haustüre losfahren.
Gedanken zu Lebensräumen. Wir werden in jedem unserer Lebensräume Filme machen, in Meas schöner Bauernhausküche, in meiner neuen Einbauküche, in Ingas kleinem Stadthaus.

Unsere Lebensräume sind sehr verschieden und überall ist es möglich zu tanzen, den Alltag zu bezaubern, neugierig und schräg, sinnlich oder stürmisch die Lebendigkeit in allem zu erfahren, das Leben zu feiern. Es geht auf dem Land, in einer kleinen Stadtwohnung, auf Holz, Fliesen oder Linoleum. Ich tanze heute zwischen Geschirrspüler und Herd die Geschichte von der Liebe zum Leben und der Köstlichkeit aller Tage, weil ich endlich Winter vor der Haustüre habe.

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Eisduft

Der Februar ist bilderreich und winterintensiv. Ich rieche Eis und schmecke Schnee. Manchmal schmeckt der Schnee metallen. Katalina riecht ganz eigen nach Winter, wenn sie von Draussen kommt. Der Eglsee ist zugefroren und deshalb hat unser Dorf eine Eisdisco veranstaltet. Heiße Getränke, Schlittschuhlaufen zur wild gemixten Musik, Dorfratsch.

Mich durch den Winter bewegen, auf Skiern und Schlittschuhen, tanzend, in Zeitlupe, wirbelnd mit riesigen Schuhen aus Alaska, feixend und dann wieder ganz still. Bunt ist der Februar und sehr weiß.

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Viehräucherung und Küchenzauber

Mein Stall samt Vieh ist geräuchert. Es ist das Bilder- und Bücherlager samt Bewohnern.
Jetzt ist alles bereitet für die neuen Bücher.

Es ist ein großes Glück, dass meine uralten Freundinnen Mea und Inga Performancekünstlerinnen sind. Alle Performances machen wir zusammen, gestern in Meas Küche.

Butoh, Suppenzauber,  Tiefe und Alltag getanzt. Es war ein Filmtag fürs Museum. Keine von uns kann filmen, schneiden auch nicht. Egal. Wir haben auch schon Tonaufnahmen mit einem alten Kasettenrecorder gemacht wie zu Fluxuszeiten. Da hole ich gerne einen geschenkten Satz hervor.
Alle sagten, das geht nicht, eine wusste das nicht und hat es einfach gemacht.

Wir tanzen und filmen, essen, weben Gesänge ein und geheimnisvolle Dinge, es wackelt und ist sinnlich, manchmal ist es unscharf und ein seltsamer Lichteinfall mischt sich dazu. So ist Alltag, so ist eigentlich auch das ganze Universum.

Inga und Mea machen dazwischen so unglaublich verrückte Sachen. Mit einem Algengebräu prosten wir einer geheimnisvollen Frau in einem Bild zu, eine Messerperformance vom Feinsten, ein sinnenfroher Abwasch, wohlig müde am Kachelofen dösen. Der Nachmittag ist in ein magisches Zeitloch gefallen.

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